12.10.2004
Ein Heim für zwei Kulturen
Von Boris Schöppner

Sossenheim. «Respekt» – den forderten fast alle Redner bei der Einweihung der beiden neuen Altenwohnheime, des Victor-Gollancz-Hauses und des St. Katharinen-Wohnstifts für ältere Seniorinnen mit niedrigen Einkommen in der Kurmainzer Straße, ein.

Respekt vor dem Alter und Respekt vor fremden Kulturen. Denn mit dem Umzug des Victor-Gollancz-Hauses von der Windthorststraße in Höchst zur neuen Adresse in Sossenheim wird in Frankfurt ein neuer Weg beschritten: die kultursensible Pflege. Elf der 123 Einzelzimmer des Interkulturellen Altenhilfezentrums Victor-Gollancz-Haus, das vom Frankfurter Verband getragen wird, sind für Muslime reserviert, denen zudem ein Gebetsraum zur Verfügung steht. Es ist das erste Haus seiner Art in Hessen. Derzeit sucht die Heimleitung einen Imam fürs Freitagsgebet. Einmal pro Woche kommen auch ein evangelischer sowie ein katholischer Geistlicher ins Haus, um mit den Bewohnern einen Gottesdienst zu begehen.

Leiterin Ute Bychowski unterstreicht, dass es keine Zwangsintegration geben soll und geben wird. Vielmehr gelte es, den respektvollen Umgang der Bewohner miteinander zu fördern. Bei der Pflege der Menschen sollen die Mitarbeiter die jeweilige Biografie der Bewohner berücksichtigen – und dazu gehöre eben auch der Migrationshintergrund einzelner. Die Muslime seien, genauso wie die Bewohner mit christlichem Hintergrund, keine homogene Gruppe.

In Mehrfachfunktion trat Franz Frey bei der großen Einweihungsfeier, für die auf dem Areal zwischen den beiden Häusern extra zwei Festzelte aufgestellt wurden, auf: Der Sozialdezernent ist nämlich auch Senior des St- Katharinen- und Weißfrauenstift und Vorsitzender des Frankfurter Verbands für Alten und Behinderten Hilfe.

4,6 Millionen Euro hat der Neubau des St.-Katharinen-Wohnstifts gekostet, in dem 31 Wohnungen mit jeweils zirka 49 Quadratmetern Wohnfläche entstanden sind. Mit 12,8 Millionen Euro schlug der Neubau des Victor-Gollancz-´Hauses zu Buche, an dem sich der Bund wegen des Modellcharakters mit 2,05 Millionen, das Land mit 2,08 Millionen und die Stadt mit 5,01 Millionen Euro beteiligten.

Frey wies auf den großen Bedarf und die hohe Akzeptanz für ein interkulturelles Angebot im Altenpflegebereich hin: Alle Plätze im Gollancz-Haus seien bereits belegt.

Bis auf drei Plätze sind auch die 31 Zimmer des St.-Katharinen-Wohnstifts belegt. Die mildtätige Frankfurter Stiftung, die auf eine Tradition von 775 Jahren zurückblicken kann, hat ihre Arbeit unter das Motto «Das Alter leben» gestellt. «Wir bieten nachbarschaftliches Zusammenleben statt Alterseinsamkeit», sagte die leitende Verwaltungsdirektorin Erika Pfreundschuh.

Diese Idee griff auch Marieluise Beck, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, auf. Älteren Menschen müsse die Angst vor einem Heim genommen werden. Sie sollten es vielmehr als eine neue Perspektive verstehen, nicht mehr alleine zu leben, insbesondere dann, wenn die Pflegesituation zu Hause zu anstrengend «für alle Beteiligten» werde. Beck sieht in dem «Interkulturellen Altenhilfezentrum» Victor-Gollancz-Haus die Anerkennung gesellschaftlicher Realitäten: Die Menschen, die einst als Gastarbeiter in die Bundesrepublik geholt worden seien, seien eben nicht wieder «in die Sonne» gezogen, um ihren Lebensabend dort zu verbringen, sondern hätten sich entschieden, in Deutschland zu bleiben. Vertreter der Landesregierung, Landtagsabgeordnete, Stadtverordnete sowie Ortsbeiräte, Vertreter der Kirchen und der muslimischen Gemeinden waren gekommen und voll des Lobes für die beiden Projekte. Und alle zollten den Mitarbeiter der Einrichtungen, die in den vergangenen Wochen und Monaten viele zusätzlichen Aufgaben übernehmen mussten, ihren Respekt.

Zudem wurde gestern erneut eine Fußgängerampel gefordert, damit die Senioren sicher die stark befahrene Kurmainzer Straße gefahrlos überqueren können. Trotz entsprechender Anträge ist bislang keine installiert worden. Aus Geldmangel bei der Stadt, wie Erika Pfreundschuh, Verwaltungsdirektorin des St. Katharinen-Stifts ausführte. Jetzt appellierte sie erneut an die Stadt, endlich eine Ampel aufzustellen.